Gesangstherapie Krankheiten

Singen als Gesundheitserreger

Singen als Therapie

Seit Menschheitsgedenken wird Singen und Musizieren auch zu Heilzwecken eingesetzt. Musik berührt und verbindet – insbesondere wenn diese bei gemeinschaftlichem Singen ohne Leistungsansprüche selbst gestaltet wird.

„Es gibt keine Fehler – nur Variationen“

lautet der Leitspruch von Singende Krankenhäuser e.V.  Das internationale gemeinnützige Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, ein Gesundheitswesen mitzugestalten, in dem die heilsame Kraft des Singens erlebbar gemacht und von Patienten, Behandlern und Vertretern des Gesundheitssystems als Ansatz für Krankheitsbewältigung und Gesundheitsfürsorge anerkannt wird. Hierfür bietet das Netzwerk eine Fülle von Weiterbildungsmodulen, welche Singangebote auf die speziellen Bedürfnisse von Patienten abstimmen und das vielfältige Potenzial des Singens ausschöpfen.

Alle 2 Jahre wird eine Fachtagung ausgerichtet, die als nächstes vom 5.-7. April 2019 in der Akademie Heiligenfeld stattfinden wird. Bislang sind es bereits rund 80 Einrichtungen der Körpermedizin, der Psychiatrie und Psychosomatik, in Altersheimen, Flüchtlingsunterkünften und anderen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, die regelmäßige Singangebote gemäß der Initiative Singende Krankenhäuser integriert haben. Überzeugend sind oft die spontanen Rückmeldungen von Patienten.

„Ich musste sofort weinen, nach den ersten Takten, und hätte das nie für möglich gehalten… Das war keine Verzweiflung – das löste Gefühle. Das war ganz toll und tief bewegend – diese Gemeinsamkeit. Diese unterschiedlichen Frauen mit ihrer Krankheitsgeschichte, alte und junge, und wir singen gemeinsam – das hat mich so bewegt dieses Gefühl von Verbundenheit.“

Zitat einer onkologischen Patientin aus der Paracelsus-Klinik Scheidegg.

Neben der Fülle von Patientenaussagen gibt es auch wissenschaftliche Hinweise, dass Singen die Kapazität und Fähigkeit stärkt, sich selbst und anderen mit Mitgefühl zu begegnen und spürbar werden lässt, was wir in Krisenzeiten ganz besonders brauchen: Sicherheit, Zuwendung, Hoffnung und Mut.

Foto von Menschen bei einer Gesangstherapie.

Heilender Gesang mit Wolfgang Bossinger im Christophsbad GmbH & Co. Fachkrankenhaus KG in Göppingen am 19. August 2010 – Foto (C) Sabine Braun

Joachim Bauer schrieb 2015 in seinem Buch „Selbststeuerung“ hierzu:

„Beim Einfluss der Selbststeuerung auf die Gesundheit sind zwei Mechanismen im Spiel, ein offensichtlicher, sozusagen äußerer und ein verborgener, innerer. Unmittelbar einleuchtend ist das erste der beiden Wirkprinzipien, welches darauf beruht, dass ein gesunder Lebensstil Krankheitsrisiken vermindert. Beim zweiten Wirkmechanismus geht es um eine innere Grundhaltung, um gutes Selbstgefühl, um Vertrauen in die eigenen Kräfte – man könnte von Selbstkräften sprechen – und so etwas wie einem inneren Mut. Hier steht also nicht das konkrete gesundheits­dienliche Verhalten im Vordergrund, sondern etwas Tiefergehendes. Von beiden Mechanismen gehen massive biologische Effekte aus, sie sind von gleichrangiger Bedeutung, entfalten ihr volles Wirkpotenzial aber nur gemeinsam.(2)“

Die von Joachim Bauer formulierten Zusammenhänge werden auch als „Resilienzkräfte“ oder als der „innere Arzt“ bezeichnet. Sie werden in und durch soziale Unterstützung – insbesondere auch durch gemeinschaftliches Singen gestärkt.  Hierzu Dr. Ian Lewis, Leiter der Forschungsabteilung von „Tenovus Cancer Care“:

„Wir haben in den vergangenen sechs Jahren einen Beweis erbracht, um zu zeigen, dass das Singen im Chor eine Reihe von sozialen, emotionalen und psychologischen Vorteilen haben kann, und jetzt können wir sehen, dass es auch biologische Effekte hat“(3)

Singen als Therapie

Heilender Gesang mit Wolfgang Bossinger im Christophsbad GmbH & Co. Fachkrankenhaus KG in Göppingen am 19. August 2010 – Foto (C) Sabine Braun

So wurden etwa in Speichelproben von 193 Mitglieder 5 verschiedener Chöre nach einer Stunde Chorgesang biologische Marker untersucht und damit erste Belege gefunden, dass Singen hilft, das Immunsystem zu stärken (u.a. entzündliche Prozesse zu mindern), Stress abzubauen und die Stimmung zu verbessern. Die stärksten Effekte zeigten sich bei Menschen, die unter Depressionen leiden und mental eingeschränkt sind. Das Forscherteam um Daisy Fancourt veröffentlichte diese Ergebnisse 2016 unter dem Titel „Singen moduliert Stimmung, Stress, Kortisol, Zytokine und die Aktivität von Neuropeptiden bei Krebspatienten und ihren Angehörigen“(1) .

Kooperationsprojekt für Parkinson-Patienten

Auch Parkinson-Patienten mit einer chronischen Erkrankung des Nervensystems, deren exakter Verlauf nicht vorausgesagt, aber durch Compliance, Eigeninitiative und eine positive Lebenshaltung günstig beeinflusst werden kann, profitieren in besondere Weise vom Singen. Durch eine Kombination von gefühlvollem, rhythmisch-beschwingtem Singen und begleitend rhythmischen, tanzähnlichen Bewegungen werden beim gemeinschaftlichen Singen Ressourcen geweckt, Selbstregulationsfähigkeiten verbessert und neben der gezielten Förderung von Mobilität, Sprech- und Kommunikationsvermögen auch Lebensfreude, Solidarität und Sinnperspektiven gestärkt.

Aktuell startet ein Kooperationsprojekt zwischen den Singenden Krankenhäusern e.V. und der Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinsonforschung. Diese ist bundesweit eine wichtige Anlaufstelle, bei der Patienten mit Morbus Parkinson eine unabhängige Beratung sowie wesentliche Informationen zum Umgang mit der Krankheit erhalten. Die Stiftung ist die erste private Stiftung in Deutschland, welche die Erforschung nichtmedikamentöser Behandlungsmethoden bei Morbus Parkinson fördert. Darüber hinaus unterstützt sie wissenschaftliche Studien und leistet wichtige Aufklärungsarbeit, um mit der Krankheit mobil zu bleiben. Ziel der Zusammenarbeit ist, Singen zu einem festen Bestandteil in der Parkinson-Therapie im Programm von Selbsthilfegruppen anzubieten. Als künstlerisch-aktivierendes Verfahren soll das Singen zu einer gängigen Behandlungsmethode werden. Das Pilotprojekt soll ab dem 3. Quartal 2017 im Rhein-Main-Gebiet starten. Es ist geplant, Patienten und Angehörigen den Zugang zu alle 2 Wochen stattfindenden Singangeboten von 60-90 min. zu ermöglichen.

Singen in der Selbsthilfe

Auch die vor kurzem erschienene DVD der Frauenselbsthilfe NRW „Krebs – Singen ist Leben“, von Christine Kostrzewa, ausgezeichnet mit dem Selbsthilfepreis NRW 2017, gibt einen bewegenden und informativen Einblick in das Potenzial des Singens im Gesundheitssystem. Dirk Meyer, der beauftrage der Landesregierung für Patientinnen und Patienten formulierte bei der Preisverleihung über das Projekt Singen in der Selbsthilfe:

„Singen kann ein Weg sein, sich „ganz“ zu fühlen, eigene Potentiale wieder wahrnehmbar zu machen und damit Mut zu schöpfen. Das hilft individuell aber insbesondere auch in Gemeinschaft. Diesen Mut benötigen wir auch, um unser Gesundheitswesen menschlicher zu gestalten. Damit es keine Floskel bleibt, dass der Mensch im Mittelpunkt steht.“

Singende Krankenhäuser e.V. lädt alle Interessierte ein, sich selbst von der heilsamen Kraft des Singens zu überzeugen. Lassen Sie sich mit dem Gesundheitserreger anstecken und besuchen Sie unsere Seiten:

Singende Krankenhäuser e.V.: www.singende-krankenhaeuser.de
Hilde-Ulrichs-Stiftung für Parkinson: https://parkinsonweb.com/

Über die Autorin

Elke Wünnenberg ist Dipl.-Psychologin, Psych. Psychotherapeutin, Dipl.-Musikerzieherin und Vorstandsvorsitzende von Singende Krankenhäuser e.V.

Quellenangaben

(1) Daisy Fancourt (u.a.): Aus: ecancer 10 631 / DOI: 10.3332/ecancer.2016.631 [04.09.2017] (2) Joachim Bauer: Selbststeuerung, 2015, S. 113
(3) Dr. Ian Lewis: Aus: The Telegraph, 05.04.2016
(4) Christine Kostrzewa: DVD der Frauenselbsthilfe NRW „Krebs – Singen ist Leben“

© Fotos in diesem Artikel: Sabine Braun