Fachkräfte für Rehakliniken: Initiative „Eine Reha-Stimme für Sachsen“

Erläuternde Einleitung

Wir veröffentlichen in diesem Beitrag das ‚Statement‘ der Initiative sächsischer Rehakliniken „Eine RehaStimme für Sachsen„. Wir halten das Statement für wichtig, weil es notwendige Änderungen auf dem Arbeitsmarkt und im Gesundheitssystem anspricht, die für eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung in Rehakliniken erforderlich sind.

Pflegerin hilft Senior bei einem Kreuzworträtsel

Pflegerin hilft Senior bei einem Kreuzworträtsel – Foto: © Robert Kneschke / fotolia

Es geht in dem Statement besonders um den Fachkräftemangel. Einfach erklärt: Kliniken haben grundsätzlich aufgrund der meist erforderlichen Vollversorgung und aufwendigen Pflege der Patienten einen hohen Personalbedarf. Über 60% der gesamten Kosten einer Rehaklinik sind z.B. Personalkosten (Löhne und Gehälter, Sozialabgaben)[2]. Dazu kommen steigende Kosten in allen Bereichen (Tariflöhne, Energie, Lebensmittel etc.) und höhere Leistungsanforderungen (Zertifizierungen, vorgeschriebene Umbaumaßnahmen etc.), die nicht durch in gleichem Maße gestiegene Tagessätze in Rehakliniken aufgefangen werden. ([2], S. 11ff).

Durch die wachsende Zahl älterer und besonders intensiv pflegebedürftiger Menschen wächst der Personalbedarf im klinischen Bereich nochmals. Beispiel: ein 80-jähriger Mensch mit einem Oberschenkelhalsbruch, der ziemlich schnell in die Rehaklinik überwiesen wird, benötigt zur Regeneration in der Rehaklinik mehr therapeutisches und pflegerisches Personal sowie eine intensivere Betreuung als ein 20-jähriger Sportler mit einem Beinbruch. Rehakliniken beklagen sich außerdem zurecht, dass die Liegezeiten in Akutkliniken aus Kostengründen immer weiter verkürzt werden (da die Akutkliniken für eine bestimmte Patienten-Behandlung festgesetzte ‚Fall-Pauschalen‘ erhalten und daher bestrebt sind, möglichst schnell zu entlassen). Rehakliniken erhalten die operierten Patienten dann u.U. mit noch nicht verheilten Wunden (Stichwort: „blutige Entlassung“) und müssen dann sogar noch die Wundversorgung sicherstellen, was eigentlich Aufgabe der Akutklinik gewesen wäre.

Der Gesetzgeber erkannte das Problem teilweise: Mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) wurden jedoch nur die Akutkliniken und Pflegeeinrichtungen zusätzlich unterstützt.

„Jede zusätzliche oder aufgestockte Stelle für Pflegekräfte in Krankenhäusern wird voll von der Krankenversicherung finanziert. Darüber hinaus werden die Tarifsteigerungen in der Krankenhauspflege vollständig von den Kostenträgern übernommen (rückwirkend ab dem Jahr 2018)“([2], S. 6)

Akutkliniken und Pflegeeinrichtungen können aufgrund dieser Förderung bessere Gehälter als Rehakliniken zahlen und die gesuchten Fachkräfte vom Markt ‚absaugen‘ bzw. ausgebildete Fachkräfte aus Rehakliniken abwerben.  Rehakliniken bekommen Probleme, freigewordene Stellen wieder zu besetzen und haben GLEICHZEITIG (aus den eben genannten Gründen der früheren Entlassung sowie des gestiegenen Patientenalters) einen höheren Pflegeaufwand (zu weit niedrigeren Tagessätzen als die Akutklinik!) zu bewerkstelligen. Damit Rehakliniken Ihre Aufgaben weiterhin in hoher Qualität erfüllen können, müssen

  • sie einerseits auch in das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) integriert und
  • andererseits die Tagessätze regelmäßig jährlich an die gestiegenen Kosten angepaßt werden.

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Statement zur
Sicherung der Nachhaltigkeit der qualitätsgerechten Patientenversorgung in der
Rehabilitation in Sachsen
Sächsische Rehabilitationskliniken in großer Sorge!

14.05.2019

Die Unterzeichner, Vertreter des überwiegenden Teils der sächsischen Rehabilitationskliniken haben sich zu einer Initiative „Eine Reha-Stimme für Sachsen“ zusammengefunden, um sich für die Nachhaltigkeit der qualitätsgerechten Patientenversorgung in der Rehabilitation in Sachsen einzusetzen.

Wir sehen den im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel stehenden immer stärker werdenden Fachkräftemangel, vor allem im Bereich des Ärztlichen und Therapeutischen Dienstes sowie Pflegedienstes, mit großer Sorge. Dadurch wird die Patientenversorgung in sehr hohem Maße gefährdet.

Wir kritisieren darüber hinaus die Benachteiligung der Rehabilitationseinrichtungen gegenüber dem Krankenhausbereich bei der adäquaten Refinanzierung dringend benötigten Personals.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) sichert den Krankenhausträgern die Finanzierung zusätzlich eingestellten Pflegepersonals, solange dies am Markt akquiriert werden kann. Dies führt zu einer gravierenden Wettbewerbsverzerrung des in Relation gegenüber dem Krankenhaussektor ohnehin schwächer finanzierten Rehabilitationsbereiches.

Da es durch den demographischen Wandel zeitgleich zu einer zunehmenden Leistungsnachfrage – insbesondere in den pflegeintensiven Indikationen – kommt, führt dies für uns zu einer zunehmenden Belastung, da offene Stellen vor allem im Pflegebereich nicht adäquat nach besetzt werden können.

Der Fachkräftemangel vor allem im Pflegedienst ist eklatant. Stehen für das Jahr 2018 noch ca. 17.000 offene Stellen in der öffentlichen Diskussion, so sind es nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung im Jahr 2030 fast 500.000 offene Stellen im Pflegedienst. Nach dieser Studie wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis dahin um fast 50 % erhöhen.[1]

Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit beträgt im Jahr 2018 die durchschnittliche Vakanzzeit, d.h. die Zeit bis eine offene Stelle wieder nachbesetzt werden kann, einer Stelle im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege im Durchschnitt 154 Tage. In strukturschwachen ländlichen Regionen, in denen Rehabilitationskliniken oftmals liegen, liegt die tatsächliche Vakanzzeit weitaus höher.

Die Lücken im Beschäftigungsmarkt sind – neben intensiven Bemühungen um inländische Fachkräfte – sicher nur durch qualifizierten Zuzug aus dem Ausland zu schließen.

Zum aktuellen Zeitpunkt werden dabei jedoch folgende Problemstellungen deutlich:

  • die Positivliste für Mangelberufe ist dringend überarbeitungsbedürftig (weitgehende Fehleinschätzung der Bundesagentur für Arbeit (BA): „Laut BA kein wirklicher Fachkräftemangel“) und muss für jedwede Art von Pflegeberufen geöffnet werden
  • BA lassen sich Tätigkeiten auf Anforderungsniveau 1 (Helfertätigkeit) gut durch arbeitslos gemeldete Personen ersetzen – weitgehende Fehleinschätzung
  • ebenso sind bürokratische Hürden für Visaerteilung z.T. sehr hoch, es kommt zu völlig inakzeptablen Wartezeiten
  • zunehmend mehr negative Außenwirkung Deutschlands im Zusammenhang mit Rechtspopulismus, dadurch Senkung der Attraktivität als Arbeitgeber
  • in Teilen infrastrukturelle Probleme (fehlende Mobilität für potentielle Fachkräfte)

Die Unterzeichner fordern dringende politische Unterstützung wie folgt:

  1. im Zusammenhang mit dem sich im Kontext zum zunehmenden Fachkräftemangel exorbitant verteuerten Preisgefüge – eine Verbesserung der Refinanzierung im Rehabilitationssektor durch eine deutliche Anhebung der Tagesätze.
  2. ein klares Bekenntnis der Politik und der Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Fachkräftemangel, danach dringende Überarbeitung der Positivliste sowie die weitere Stärkung der sächsischen Gesundheitswirtschaft; Unterstützung des qualifizierten Zuzugs
  3. eine Reduktion der VISA-Hürden, Standardisierung der Visa- und Überleitungsverfahren
  4. eine Verbesserung der Außendarstellung Deutschlands & insbesondere Sachsens
  5. den Ausbau und die Förderung der Digitalisierung im Gesundheitswesen, dazu jedoch auch Reduktion der bürokratischen Hürden (z.B. Telemedizin)
  6. Mobilitätsunterstützung im ländlichen Raum

Die Unterzeichner als Vertreter der sächsischen Initiative „Eine Reha-Stimme für Sachsen“ wenden sich mit diesen Themen an Vertreter der Politik, der Medien sowie der Sozialleistungsträger mit der Bitte um Unterstützung vorstehenden Anliegens.

Folgende Kliniken unterzeichneten:

  • ELBLAND Reha- und Präventions-GmbH (Andre Gubsch)
  • Helios Klinik Schloss Pulsnitz (Carsten Tietze)
  • Johannesbad Raupennest (Anke Gundel)
  • Klinik am Tharandter Wald (Torsten Wagner)
  • Klinik Bad Brambach (Tim Schmachtenberg)
  • Klinik Bavaria Kreischa (Rudolf Presl)
  • Knappschafts-Klinik Warmbad (Ferdinand Keller)
  • MediClin Klinik am Brunnenberg (Arne Hössner)
  • MEDICLIN Reha-Zentrum Bad Düben / MEDICLIN Waldkrankenhaus Bad Düben (Philipp Schlösser)
  • Paracelsus Klinik Bad Elster (Erik Heyne)
  • Sachsen-Klinik Naunhof (Elke Schröter)
  • Sachsen-Klinik Naunhof (Lutz Heuser)
  • Thermalbad Wiesenbad (Ricarda Lorenz)

Literaturhinweise

[1]  vgl. Im Rahmen des Deutschen Pflegetages März 2018 veröffentlichte Studie sowie   „Themenreport Pflege 2030“ – Studie der Bertelsmannstiftung aus dem Jahre  2012; https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/GP_Themenreport_Pflege_2030.pdf

[2] Borges, Peter; Zimolong, Agnes (2018): Gutachten zur aktuellen und perspektivischen Situation der Einrichtungen im Bereich der medizinischen Rehabilitation. -Neuauflage 2018-. Hg. v. aktiva Beratung im Gesundheitswesen GmbH. Köln.